Inhalt und Formen der Einheitsfront

Aus: Arbeiterklasse gegen Faschismus
Bericht auf dem 7. Weltkongress der Komintern 1935

Was ist und was muß der Hauptinhalt der Einheitsfront in der gegebenen Etappe sein? Die Verteidigung der unmittelbaren wirtschaftlichen und politischen Interessen der Arbeiterklasse, die Verteidigung der Arbeiterklasse gegen den Faschismus muß der Ausgangspunkt und der Hauptinhalt der Einheitsfront in allen kapitalistischen Ländern sein.

Wir dürfen uns nicht mit bloßen Aufrufen zum Kampf für die proletarische Diktatur begnügen, sondern müssen solche Losungen und Kampfformen ausfindig machen und vorschlagen, die sich aus den Lebensbedürfnissen der Massen, aus dem Grad ihrer Kampffähigkeit in der jeweiligen Entwicklungsetappe ergeben.

Wir müssen den Massen zeigen, was sie heute tun müssen, um sich vor der kapitalistischen Ausplünderung und der faschistischen Barbarei zu schützen. Wir müssen uns dafür einsetzen, daß die breiteste Einheitsfront hergestellt wird durch gemeinsame Aktionen der Arbeiterorganisationen der verschiedenen Richtungen zum Schutz der Lebensinteressen der werktätigen Massen. Das bedeutet erstens den gemeinsamen Kampf für die wirkliche Abwälzung der Folgen der Krise auf die Schultern der herrschenden Klassen, auf die Schultern der Kapitalisten, der Grundherren, mit einem Wort, auf die Schultern der Reichen.

Das bedeutet zweitens den gemeinsamen Kampf gegen alle Formen der faschistischen Offensive, für die Verteidigung der Errungenschaften und der Rechte der Werktätigen, gegen die Beseitigung der bürgerlich-demokratischen Freiheiten.
Das bedeutet drittens den gemeinsamen Kampf gegen die herannahende Gefahr eines imperialistischen Krieges, einen Kampf, der die Vorbereitung dieses Krieges erschweren würde. Wir müssen unermüdlich die Arbeiterklasse auf den raschen Wechsel der Formen und Methoden des Kampfes bei Veränderung der Verhältnisse vorbereiten. In dem Maße, wie die Bewegung wächst und die Einheit der Arbeiterklasse sich verstärkt, müssen wir weitergehen und den Übergang von der Verteidigung zum Angriff gegen das Kapital vorbereiten und auf die Organisierung des politischen Massenstreiks hinsteuern. Dabei muß die unbedingte Voraussetzung eines solchen Streiks sein, daß die ausschlaggebenden Gewerkschaften des gegebenen Landes in diesen Streik hineingezogen werden.

Natürlich können und dürfen die Kommunisten keinen Augenblick auf ihre selbständige Arbeit zur kommunistischen Aufklärung, Organisierung und Mobilisierung der Massen verzichten. Um jedoch den Arbeitern den Weg zur Aktionseinheit zu sichern, muß man gleichzeitig sowohl kurzfristige als auch langfristige Abkommen über gemeinsame Aktionen mit sozialdemokratischen Parteien, reformistischen Gewerkschaften und anderen Organisationen der Werktätigen gegen die Klassenfeinde des Proletariats anstreben. Die Hauptaufmerksamkeit wird man dabei auf die Entfaltung von Massenaktionen in den einzelnen Orten lenken müssen, die von den unteren Organisationen auf Grund von örtlichen Abkommen durchgeführt werden. Indem wir die Bedingungen aller mit ihnen geschlossenen Abkommen loyal erfüllen, werden wir rücksichtslos jegliche Sabotage der gemeinsamen Aktionen durch Personen und Organisationen, die an der Einheitsfront teilnehmen, entlarven. Alle Versuche, Abkommen zu sprengen, und solche Versuche werden möglicherweise unternommen werden, werden wir dadurch beantworten, daß wir uns an die Massen wenden und den unermüdlichen Kampf für die Wiederherstellung der gestörten Aktionseinheit fortsetzen werden.

Natürlich wird die konkrete Verwirklichung der Einheitsfront in verschiedenen Ländern auf verschiedene Weise vor sich gehen, verschiedene Formen annehmen, je nach dem Zustand und dem Charakter der Arbeiterorganisationen, ihrem politischen Niveau, der konkreten Situation in dem jeweiligen Lande, je nach den Verschiebungen in der internationalen Arbeiterbewegung usw. Solche Formen können z.B. sein: vereinbarte gemeinsame Aktionen der Arbeiter von Fall zu Fall aus konkreten Anlässen, für einzelne Forderungen oder auch auf Grund einer gemeinsamen Plattform; vereinbarte Aktionen in einzelnen Betrieben oder Industriezweigen; vereinbarte Aktionen im örtlichen, Gebiets-, Landes- oder internationalen Maßstab; vereinbarte Aktionen zur Organisierung der Wirtschaftskämpfe der Arbeiter, zur Durchführung politischer Massenaktionen, zur Organisierung eines gemeinsamen Selbstschutzes gegen faschistische Überfälle; vereinbarte Aktionen zur Unterstützung der Gefangenen und ihrer Familien, zum Kampf gegen die soziale Reaktion; gemeinsame Aktionen zur Verteidigung der Interessen der Jugend und der Frauen; auf dem Gebiet des Genossenschaftswesens, der Kultur, des Sports usw. usw.

Es wäre jedoch ungenügend, wollte man sich nur mit dem Abschluß eines Pakts über gemeinsame Aktionen und mit der Schaffung von Kontaktkommissionen aus den an der Einheitsfront beteiligten Parteien und Organisationen zufrieden geben, wie wir sie z.B. in Frankreich haben. Das ist nur der erste Schritt. Ein Pakt ist ein Hilfsmittel zur Durchführung gemeinsamer Aktionen, aber er ist an und für sich noch nicht die Einheitsfront. Eine Kontaktkommission zwischen den Leitungen der Kommunistischen Partei und der Sozialistischen Partei ist notwendig, um die Durchführung gemeinsamer Aktionen zu erleichtern, jedoch genügt sie an sich bei weitem noch nicht zur wirklichen Entfaltung der Einheitsfront, zur Hineinziehung der breitesten Massen in den Kampf gegen den Faschismus.

Die Kommunisten und alle revolutionären Arbeiter müssen sich dafür einsetzen, daß wählbare (in den Ländern der faschistischen Diktatur aus den angesehensten Teilnehmern der Einheitsfrontbewegung zusammengesetzte) überparteiliche Klassenorgane der Einheitsfront in den Betrieben, unter den Erwerbslosen, in den Arbeiterbezirken, unter den kleinen Leuten in den Städten und auf dem Lande gebildet werden. Nur solche Organe können durch die Einheitsfrontbewegung auch die riesige unorganisierte Masse der Werktätigen erfassen, können die Entwicklung der Initiative der Massen im Kampfe gegen die Offensive des Kapitals, gegen Faschismus und Reaktion und auf dieser Grundlage auch die Schaffung eines notwendigen breiten Arbeiterfunktionärkörpers der Einheitsfront, die Erziehung von Hunderten und Tausenden parteilosen Bolschewiki in den kapitalistischen Ländern fördern.

Die gemeinsamen Aktionen der organisierten Arbeiter sind der Beginn, die Grundlage. Doch dürfen wir nicht aus den Augen verlieren, daß die überwiegende Mehrzahl der Arbeiter die unorganisierten Massen bilden. So beträgt in Frankreich die Zahl der organisierten Arbeiter, der Kommunisten, der Sozialisten, der Mitglieder von Gewerkschaften verschiedener Richtungen – insgesamt ungefähr eine Million, die Gesamtzahl der Arbeiter aber beträgt 11 Millionen. In England gehören den Gewerkschaften und den Parteien aller Richtungen ungefähr 5 Millionen an. Dabei beträgt die Gesamtzahl der Arbeiter 14 Millionen. In den Vereinigten Staaten von Nordamerika gibt es ungefähr 5 Millionen organisierte Arbeiter, die Gesamtzahl der Arbeiter beträgt dort aber 38 Millionen. Ungefähr dasselbe Verhältnis besteht auch in einer Reihe anderer Länder. In »normalen« Zeiten steht diese Masse im wesentlichen außerhalb des politischen Lebens. Gegenwärtig aber gerät diese gewaltige Masse immer mehr in Bewegung, wird in das politische Leben hineingezogen, betritt die politische Arena.

Die Schaffung von überparteilichen Klassenorganen ist die beste Form der Herstellung, Erweiterung und Stärkung der Einheitsfront in den Tiefen der breitesten Massen. Diese Organe werden auch das beste Bollwerk bilden gegen alle Versuche der Gegner der Einheitsfront, die hergestellte Aktionseinheit der Arbeiterklasse zu stören

Über die Antifaschistische Volksfront

Bei der Mobilisierung der werktätigen Massen zum Kampf gegen den Faschismus ist die Schaffung einer breiten antifaschistischen Volksfront auf der Grundlage der proletarischen Einheitsfront eine besonders wichtige Aufgabe. Der Erfolg des gesamten Kampfes des Proletariats ist eng verbunden mit der Herstellung des Kampfbündnisses des Proletariats mit der werktätigen Bauernschaft und der Hauptmasse des städtischen Kleinbürgertums, das die Mehrheit der Bevölkerung sogar in den industriell entwickelten Ländern bildet.

Der Faschismus, der diese Massen gewinnen will, versucht in seiner Agitation, die arbeitenden Massen in Stadt und Land dem revolutionären Proletariat entgegenzustellen und den Kleinbürger mit dem Gespenst der »roten Gefahr« zu schrecken. Wir müssen den Spieß umdrehen und den werktätigen Bauern, den Handwerkern sowie der werktätigen Intelligenz zeigen, woher ihnen die wirkliche Gefahr droht: wir müssen ihnen konkret zeigen, wer dem Bauern die Last der Steuern und Abgaben aufbürdet, aus ihm Wucherzinsen herauspreßt; wer selbst den besten Boden und alle Reichtümer besitzt, aber den Bauern und seine Familie von seiner Scholle vertreibt und ihn der Arbeitslosigkeit und dem Elend preisgibt. Wir müssen konkret aufzeigen, geduldig und beharrlich erklären, wer Handwerker und Gewerbetreibende durch Steuern, Gebühren, hohen Pachtzins und für sie unerträgliche Konkurrenz ruiniert; wer die breiten Massen der werktätigen Intelligenz auf die Straße wirft und arbeitslos macht. Aber das genügt nicht.

Das Grundlegende, das Entscheidendste, für die Herstellung der antifaschistischen Volksfront ist die entschiedene Aktion des revolutionären Proletariats zur Verteidigung der Forderungen dieser Schichten und insbesondere der werktätigen Bauernschaft, der Forderungen, die den Grundinteressen des Proletariats entsprechen, wobei man im Laufe des Kampfes die Forderungen der Arbeiterklasse mit diesen Forderungen verknüpfen muß.Von großer Bedeutung für die Schaffung der antifaschistischen Volksfront ist das richtige Herangehen an jene Organisationen und Parteien, denen die werktätige Bauernschaft und die Hauptmassen des städtischen Kleinbürgertums in großer Zahl angehören.

In den kapitalistischen Ländern befinden sich die meisten dieser Parteien und Organisationen – sowohl die politischen als auch die wirtschaftlichen – noch unter dem Einfluß der Bourgeoisie und leisten ihr Gefolgschaft. Die soziale Zusammensetzung dieser Parteien und Organisationen ist nicht einheitlich. In ihnen befinden sich reiche Großbauern neben landlosen Bauern, große Geschäftsleute neben kleinen Krämern, aber die Führung in ihnen gehört den ersten, den Agenten des Großkapitals. Das verpflichtet uns, an diese Organisationen in verschiedener Weise heranzutreten, zu berücksichtigen, daß die Mitgliedermasse oft das wahre politische Gesicht ihrer eigenen Leitung nicht kennt. Unter bestimmten Umständen können und müssen wir unsere Anstrengungen darauf richten, diese Parteien und Organisationen oder einzelne Teile von ihnen trotz ihrer bürgerlichen Leitung für die antifaschistische Volksfront zu gewinnen. So steht es z.B. gegenwärtig in Frankreich mit der radikalen Partei, in den Vereinigten Staaten – mit den verschiedenen Farmerorganisationen, in Polen – mit »Stronictwo Ludowe«, in Jugoslawien – mit der kroatischen Bauernpartei, in Bulgarien – mit dem Landwirtebund, in Griechenland – mit den Agraristen usw. Aber unabhängig davon, ob Aussichten auf die Gewinnung solcher Parteien und Organisationen für die Volksfront bestehen, muß unsere Taktik unter allen Uniständen darauf gerichtet sein, die ihnen angehörenden Kleinbauern, Handwerker, Gewerbetreibende usw. in die antifaschistische Volksfront hineinzuziehen.

Ihr seht also, daß wir hier auf der ganzen Linie aufräumen müssen mit der in unserer Praxis nicht selten vorkommenden Ignorierung, Geringschätzung der verschiedenen Organisationen und Parteien der Bauernschaft, der Handwerker und der Massen des städtischen Kleinbürgertums.

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