Erst Opfer, dann Verdächtige

Titelbild: Demonstration nach einem Nazi-Angriff im März 2026. Im vergangenen Jahr gab es 358 rechte und rassistische Angriffe in Berlin Foto: dpa/Christophe Gateau

Rassistische Gewalt in Berlin

358 Angriffe, 545 Betroffene: Reach Out meldet Zunahme rassis­tischer und rechter Gewalt – und kriti­siert die Kriminali­sierung der Opfer

Ein Mann will im April 2025 in Schöneweide einfach nur einkaufen gehen. Aber unvermittelt wird er mit einer Saftpackung beworfen. Im Juni 2025 fährt eine Familie Auto, plötzlich greift ein Fahrradfahrer ins Fenster und reißt einem neunjährigen Mädchen, das mit einer Palästina-Fahne spielt, diese aus der Hand. Das Mädchen wird verletzt, ihr Vater im Nachgang kriminalisiert. Im Dezember 2025 werden am S-Bahnhof Köpenick Besucher*innen des Jugendclubs »Café Köpenick« von Neonazis angegriffen.

Das sind drei von insgesamt 358 rassistischen und rechten Angriffen, die die Beratungsstelle Reach Out im Jahr 2025 für Berlin dokumentiert hat. Reach Out unterstützt Opfer rassistischer und rechter Gewalt. Dabei orientiere man sich konsequent solidarisch an den Interessen von Betroffenen.

Die Organisation bietet offene Sprechstunden sowie aufsuchende Beratungen an und unterstützt auch telefonisch. Bei den Angriffen seien 2025 mindestens 545 Menschen verletzt, massiv bedroht, gejagt oder/und bespuckt worden, sagt Samira Abbas, Pressesprecherin von Reach Out, bei der Vorstellung des Berichts am Dienstag in Friedrichshain. »Die Zahlen sind eindeutig. Rassistische und rechte Gewalt nimmt weiter zu. Aber hinter den Zahlen stehen Menschen.«

Die Zahl der Angriffe sei damit die höchste seit 2019, berichtet Johanna Mohrfeldt aus der Projektleitung der Beratungsstelle. Dabei werden antisemitische Übergriffe seit 2020 nicht mehr von Reach Out erfasst und sind daher auch nicht mehr Teil der Statistik. Antisemitische Angriffe werden seitdem nur noch von der Recherche- und Informationsstelle Antisemitismus (Rias) erfasst.

Mohrfeldt betont außerdem immer wieder, dass es sich nur um jene Fälle handelt, die der Beratungsstelle bekannt sind. Man gehe von viel höheren Zahlen aus. Trotzdem erfasse man mehr als die Polizei. »Viele Betroffene erstatten keine Strafanzeige, weil sie Angst vor Kriminalisierung haben, vielleicht kein Vertrauen in Behörden oder einfach keine Unterstützung bekommen.« Die Ermittlungsbehörden würden zudem noch immer nicht alle rechten und rassistischen Angriffe als solche erfassen.

Mit 208 Fällen ist mehr als die Hälfte der von Reach Out erfassten Taten rassistisch motiviert. Die Zahlen antimuslimischer (37 Fälle), anti-Schwarzer (28) und antiziganistischer (9) Taten sind im Vergleich zum Vorjahr gestiegen. »Es ist nicht verwunderlich, dass die Zahlen so stark steigen, wenn in Politik und Medien von Messergewalt und ausreisepflichtigen Straftätern geredet wird«, sagt Mohrfeldt. Man gehe davon aus, dass auch das die Täter*innen und Angreifenden anstifte und dazu führe, dass sie sich sicher fühlten, ungestraft davonzukommen. Die Angriffe erfolgten, so Mohrfeldt, fast immer aus dem Nichts.

Viele Betroffene erstatten keine Strafanzeige, weil sie Angst vor Kriminalisierung haben, vielleicht kein Vertrauen in Behörden oder einfach keine Unterstützung bekommen.
Johann Morhfeldt Reach Out

Die Zahl der rechten Angriffe bleibt 2025 auf einem hohen Niveau. Reach Out erfasste im Zeitraum 150 Taten, bei denen Betroffene ins Visier rechter Täter gerieten. 71 von ihnen wurden als politische Gegner*innen angegriffen. Hoch bleibt mit 65 Fällen auch die Zahl der Angriffe aus queerfeindlicher Motivation.

Besorgniserregend ist, dass die Zahl der betroffenen Kinder und Jugendlichen massiv gestiegen ist. Reach Out erfasste für das Jahr 2025 Angriffe auf 25 Kinder bis 13 Jahren und 43 Jugendliche bis 18 Jahren.

Die Folgen sind gravierend: Betroffene berichten von Konzentrationsproblemen in der Schule, von Wut und Hoffnungslosigkeit. Zahlreiche Familien berichteten Reach Out zudem davon, dass nach den Angriffen auf ihre Kinder, sie selbst problematisiert würden. Erfreulich sei aber, dass Schüler*innen und Eltern sich immer stärker organisieren. »Sie nehmen die permanente rassistische Diskriminierung und Gewalt sowie die daraus entstehende Entrechtung nicht hin«, so Parto Tavangar Rizi, die bei Reach Out berät.

Die Täter-Opfer-Umkehr sei dabei ein wiederkehrendes Problem, das Reach Out insbesondere bei rassistischen Angriffen beobachtet. Nicht nur würden Polizei, Staatsanwaltschaften und Gerichte auf Opfer einschüchternd wirken. Opfer rassistischer und rechter Gewalt würden auch selbst kriminalisiert, sagt Johanna Mohrfeldt.

Tavangar Rizi berichtet, dass Reach Out immer wieder Betroffene rassistischer Gewalt berate, die von den Tätern angezeigt wurden. Besonders oft betroffen seien Jugendliche. Reach Out vermutet Kriminalisierung als Strategie von Täter*innen. Diese Strafverfahren haben doppelte Konsequenzen: Nicht nur erleben die Betroffenen, dass ihnen abgesprochen wird, dass sie aus rassistischen Motiven angegriffen wurden – eine massive zusätzliche Belastung. Strafverfahren können auch für erhebliche aufenthaltsrechtliche Probleme sorgen. Denn während Strafverfahren laufen, werden Aufenthaltstitel nicht verlängert. Wenn es zu einer Verurteilung kommt, können Betroffene ihren Aufenthalt ganz verlieren.

Dabei kommt dann institutioneller Rassismus ins Spiel. Gerichte würden den Opfern oft nicht glauben, so Tavangar Rizi. Besonders perfide: Wenn Strafverfahren eröffnet werden, wird das der Ausländerbehörde automatisch gemeldet. Wenn allerdings Verfahren eingestellt werden, kommen Behörden und Gerichte der Meldepflicht oft nicht nach. »So herum funktioniert der Informationsfluss dann nicht mehr«, bemerkt Tavangar Rizi sarkastisch.

Auch angesichts dessen fordert Reach Out, dass Opfern rechter und rassistischer Gewalt konsequent ein Bleiberecht ermöglicht wird. Zwar gibt es bereits jetzt einen entsprechenden Erlass, dieser sei aber aufgrund institutionell diskriminierender Hürden in seiner jetzigen Form nicht anwendbar. Insbesondere jugendliche Opfer bräuchten Anerkennung der rassistischen Tatmotive durch Ermittlungsbehörden.

Von einem weiteren besonders bedrückenden Fall berichtet Parto Tavangar Rizi. Ein Nachbar einer Jugendhilfeeinrichtung habe die Polizei gerufen und behauptet, er habe Schüsse aus der Wohngemeinschaft gehört. Die Polizei stürmte die Wohnung, ein Jugendlicher wurde nackt aus der Dusche gezerrt und musste unbekleidet zwei Stunden im Flur auf dem Boden liegen bleiben.

Waffen oder Ähnliches wurden nicht gefunden; die Polizei zog wieder ab, nachdem sie die Wohnung verwüstet hatte. Als klar war, dass nicht weiter gegen die Jugendlichen ermittelt wird, habe der Jugendliche eine Strafanzeige gestellt – das Verfahren wurde eingestellt.


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