Der 16-jährige, der am 8. Juli 2026 zwei Mädchen auf dem Gelände des Welfen-Gymnasiums in Schongau mit Messerstichen schwer verletzte, hat zuvor sein Attentat in einem langen Text öffentlich begründet. Das Pamphlet strotzt in kaum steigerbarer Weise vor Misogynie, Rassismus, Antisemitismus, Queer-, Trans- und Polyamorie-Feindlichkeit, Behindertenfeindlichkeit sowie vor Fat- und Bodyshaming.
8. Juli 2026. Am Mittwochnachmittag taucht der 16-jährige V. auf dem Gelände des Welfen-Gymnasium auf. V. war hier bis vor kurzem selber Schüler. Er flog zum Halbjahr von der Schule, nachdem er im Dezember 2025 an Mitschüler_innen Nachrichten mit pornografischem und gewaltverherrlichendem Inhalt sowie Morddrohungen verschickt hatte. Von der Polizei bekam V. eine sogenannte Gefährderansprache. Er wechselte auf die benachbarte Realschule.
Mit schwarzer Kapuze getarnt und bewaffnet mit einer offenbar in einem 3D-Drucker hergestellten Pistole, sechs Patronen des Kalibers .22 und mit einem extra zugeschliffenen Küchenmesser, läuft V. nun über das Schulgelände, schießt einmal und sticht danach auf zwei 13-jährigen Mädchen ein. Sie erleiden sehr schwere Stichverletzungen. Nach 17 Minuten können Lehrer_innen und Polizeikräfte den Täter überwältigen. Ursprünglich wollte V. wohl noch mit einem gekaperten Taxi zu einer weiteren Schule fahren, aber dazu kommt es glücklicherweise nicht mehr.
Nur Stunden nach der Tat weist der bayerische Innenminister Joachim Herrmann gegenüber den Medien darauf hin, dass der Täter des „Amoklaufs“ eine kroatische Staatsbürgerschaft habe und in der Vergangenheit in psychiatrischer Behandlung gewesen sei. Die Möglichkeit einer ideologiegeleiteten Botschaftstat, also rechten Terrors, erwähnt er nicht.
Ein Amoklauf? Schon vor neun Jahren betonte der Politikwissenschaftler Prof. Dr. Christoph Kopke in seinem Gutachten zum Attentat am Münchner OEZ, dass Amoktaten und terroristische Aktionen nicht als strikt zu trennende Kriminalitätsphänomene betrachtet werden dürfen, sich beide Tätergruppen „hinsichtlich ihrer psychischen Konstitution und Motivation stark“ gleichen würde und „einigen dieser Schulattentate Elemente politischer Kommunikation immanent sind“.
Zudem folgt Herrmanns umgehender Verweis auf eine psychiatrische Erkrankung offensichtlich einer entpolitisierenden Strategie. Denn grundsätzlich ist die Arbeitsweise der Psyche bei Gesunden und Erkrankten ja gar nicht so unterschiedlich. Und dem frühen Hinweis auf eine Krankheit folgt ja auch im Fall Schongau keine gesellschaftliche Diskussion über (längst vorhandene) psychologische Erkenntnisse, z. B. über die bei männlichen ‚school shootern‘ typische „paranoide Abwehr-Kampf-Haltung“. Nach dem Sozialpsychologen Rolf Pohl besteht diese aus Hass auf die Schule, aus einem als Notwehr gerechtfertigten Massaker, aus der Mobilisierung von Größen- und Allmachtsfantasien sowie aus der Faszination, Enttäuschungsgefühlen bzw. Hass gegenüber Mädchen.
Der Täter (Eigenbezeichnung „Lucid190“) hat vor der Tat ein ‚Manifest‘ („My reasons“) auf dem Kanal „WatchPeopleDie“ veröffentlicht. Demzufolge hatte er wohl auch einen Livestream am Tag des Attentats („zero day“) geplant, für die gewünschte GoPro-Kamera fehlte ihm am Ende aber wohl das Geld. Sein 19-seitiger Text ist in englischer Sprache verfasst. An Formulierungen und Referenzen zeigt sich eine sehr tiefe Verwurzelung im extrem rechten ‚militant accelerationism‘ sowie in den Szenen von Incels oder der Fans tödlicher Attentate. Der Sozialpsychologe Sebastian Winter hat darauf verweisen, dass die (überwiegend männlichen) jugendlichen Attentäter wie V. bei ihren Vorbereitungen und Taten mittlerweile einem „kulturellen Skript“ folgen, einer Art Handlungsanleitung, die den Plot vorgibt.
Der Text von V. strotzt in kaum steigerbarer Weise vor Misogynie, Rassismus, Antisemitismus, Queer-, Trans- und Polyamorie-Feindlichkeit, Behindertenfeindlichkeit sowie vor Fat- und Bodyshaming. Viele Stellen sind eine krasse Eruption von Menschenverachtung und Gewalt („I would be happy to just stab a knife into their necks and kill them“, „I can’t keep going without killing someone, my urges are far too strong, I want to take revenge against this cruel world, eradicate a small part of the subhuman scum that inhabits it, and finally die myself.“). Auf der einen Seite rechnet V. in diesem Pamphlet mit den eigenen Eltern ab, schreibt über verschiedende Krisen als Heranwachsender und die eigenen Erkrankungen. Auf der anderen Seite handelt es sich bei „my reasons“ eindeutig um ein extrem rechtes, politisches Traktat.
V., der sich selber als eine Art „fascist accelerationist“ bezeichnet, betont, ein „white male“ zu sein. Noch nie habe er eine Liebesbeziehung gehabt. An all seinem Elend seien die ihn umgebenden Menschen schuld, die er unter anderem als „complete subhumans, retards, degenerate trash and insufferable scum“ beschimpft. „I’ve always wanted a girlfriend, but I was always rejected and looked down upon by girls, even bullied by them too“, schreibt er, um dann eine Menge misogynen Hasses sowie sexualisierter Gewaltfantasien auszugießen. V. hasst Muslime („mudslimes“), Christ*innen („Christcucks“) und Jüdinnen:Juden („Kikes“). Positiv bezieht er sich auf den IS und die queerfeindlichen Taliban. Die derzeit in Deutschland dominierende Brückenideologie der Queer- und vor allem Transfeindlichkeit ist ihm einen eigenen großen Absatz wert („I fucking despise trannies and faggots“), gefolgt von der aus der gesamten extremen Rechten bekannten Leier einer angeblich fehlenden Meinungsfreiheit („We have no freedom of speech here in jewrocuckland. There are people literally being arrested for shit they write online“.). Die AfD und ihre Fans scheinen ihm zu lasch und – da schlägt sein Antisemitismus voll durch – „they’re literally supported by kikes“.
In der kontinuierlichen Geschichte des rechten Terrors hat ein Attentäter durch seine Taten oft die nächsten Gewalttäter_innen inspiriert. So auch bei V.: er bewunderte vor allem Brenton Tarrant, der am 15. März 2019 im neuseeländischen Christchurch in zwei Moscheen insgesamt 51 Menschen erschossen hatte. Mit einem Screenshot aus dessen Livestream des Massenmordes bebilderte V. nun seinen eigenen Text. Über den Moment, als er dieses Video gesehen habe, schreibt V., „that was definitely the moment I knew: I had to kill.“ V. schreibt auch, dass er sich zur Vorbereitung seines Attentats Moscheen in Schongau und in 40 Minuten Entfernung sowie eine Geflüchtetenunterkunft in der Gegend angesehen haben. Andere Inspirationsquellen seien der Rechtsterrorist Ted Kaczynski sowie der 14-jährige Täter des Schulmassakers an der Apalachee High School in Barrow County, Georgia (2024, vier Tote) gewesen. Seinen eigenen Angaben zufolge wollte V. bei seiner eigene Tat mindestens vier Menschen töten, um, so schreibt er zynisch, einen höheren „score“ zu haben als die beiden Attentäter von San Diego, die am 18. Mai 2026 bei einem antimuslimischen Angriff auf die größte Moschee der Stadt drei Menschen umgebracht hatten.
Vor dem Attentat, schreibt V., habe er sich mit zahlreichen Gleichgesinnten ausgetauscht, vor allem mehrfach mit dem Attentäter von San Cristóbal (Argentinien), der am 30. März 2026 in seiner Schule einen 13-Jährigen ermordet und mehrere Schüler_innen verletzt hatte. Seine Radikalisierung, seine Vorbilder und Inspirationen sowie seine internationale Vernetzung zeigen: in diesem Sinne ist der Attentäter von Schongau kein „Einzeltäter“.
Dieser Artikel stammt von, der Antifaschistischen Informations-, Dokumentations- und Archivstelle München e. V., kurz „a.i.d.a.“. Schaut gerne mal dort vorbei! Dort gibt es eine ausführliche Bibliothek antifaschistischer Medien, eine Chronologie rechter Aktivitäten in Bayern und vieles mehr!
