Wir erleben seit Jahren das Hereinbrechen eines beispiellosen staatlichen Kriminalisierungs-SuperGAUs über antifaschistische Einzelpersonen, Zusammenhänge, Organisationen. Die mittlerweile in vielen Nationalstaaten der Welt zu beobachtende Faschisierung – also das planvolle Umkippen(lassen) bürgerlicher Herrschaftsformen in ihren terroristischsten Ausdruck – hat dazu geführt, dass die Repressionsorgane alles, was von den ideologischen Staatsapparaten unter dem Begriff „Antifa“ zusammengefasst wird, bis zur Bedeutungslosigkeit zerschlagen wollen; und zwar mit allen Mitteln. Das ist in Ungarn so, das ist in den Niederlanden so, das ist in den USA so – aber die Tendenz gibt es eben auch in Spanien. Hier ist der organisierte, massenbewegte Faschismus noch nicht direkt an die Schalthebel der politischen Macht gelangt, hat aber mit der Anfang 2014 gegründeten Nazi-Partei VOX einen starken Pusher. VOX will zurück zu einem zentralisierten Herrschaftssystem in Spanien – weg vom Quasi-Föderalismus mit autonomen Gemeinschaften – und verbreitet rassistische und antifeministische Hetze.
Saragossa am 17. Januar 2019
Dagegen gibt es natürlich landesweit zahlreiche antifaschistische Kampagnen und Aktionen. So auch am 17. Januar 2019, als VOX im Auditorium von Saragossa – einem anlässlich der Expo 2008 errichteten riesigen Kongresszentrum –, eine Propaganda-Veranstaltung durchführte. 300 Antifaschist*innen hatten sich vor dem Gebäude versammelt, um gegen die faschistische Zusammenkunft zu protestieren. Als sich die Demonstrant*innen dem Auditorium zu nähern versuchten, eskalierten die anwesenden Polizeikräfte die Situation und schlugen sofort äußerst brutal und enthemmt mit Schlagstöcken auf alles ein, was sie zu den „Heranrückenden“ zählten.
Um diesem staatlich legitimierten Gewaltexzess zu entgehen, flüchtete ein Großteil der Antifaschist*innen auf den Campus der nahegelegenen Universität. Dort wurden sie von der sie verfolgenden Polizei mit Gummigeschossen eingedeckt, die auch einige Menschen trafen und verletzten. Javitxu, einer der auf den Campus Geflüchteten, fand einen Weg, gemeinsam mit einem verletzten Freund sicher von dort wegzukommen. Einzelne andere Demonstrant*innen versuchten, durch das Werfen von Steinen und weiteren Gegenständen die Polizei auf Distanz und von weiteren Angriffen abzuhalten.
Die Festnahmen Erst Stunden später – die Lage hatte sich bereits mehr oder weniger beruhigt – stürmte eine Einheit der Policía Nacional eine sich in der Nähe des „Tatorts“ befindliche Bar und nahm dort Javitxu und drei weitere Personen – Adrián, Imad und Daniel – fest. Zwei noch minderjährige Beschuldigte griff sie woanders auf. Allen sechs Antifaschist*innen wurde „Teilnahme an öffentlichen Unruhen“ und „tätlicher Angriff auf Amtspersonen“ vorgeworfen.
Im Januar 2021 verurteilte das Provinzgericht von Saragossa die vier Volljährigen zu sechs Jahren Haft und die beiden jüngeren Aktivisten zu einer Geldstrafe von 11.000 Euro. Die Verurteilung beruhte ausschließlich auf den Aussagen der angeblich beteiligten Polizeibeamt*innen und bezog sich juristisch auf Straftatbestände des 2015 reformierten Strafgesetzbuchs. Diese Reform war selbst von den Vereinten Nationen und Amnesty International als extrem grundrechtswidrig
eingestuft worden – unter anderem deshalb, weil sie verheerende Auswirkungen auf das Demonstrationsrecht hat.
Jahrelang durch die Instanzen
Aber es kam noch schlimmer: Im Oktober 2021 erhöhte das Tribunal Superior de Justicia de Aragón (TSJA) in Saragossa, das höchste Gericht der Autonomen Gemeinschaft Aragon, die Haftstrafen der vier jungen Männer auf sieben Jahre. Und als sie dagegen Berufung einlegten, wurden sie im Februar 2024 – also über drei Jahre nach dem ersten Urteil – höchstinstanzlich zu vier Jahren und neun Monaten verurteilt. Im April und Mai 2024 traten die vier Aktivisten diese Haft an.
Im Sommer 2025 folgte ein weiterer Schlag, als ihnen ein Schmerzensgeld über 140.000 Euro an einen angeblich verletzten Polizisten auferlegt wurde. Zusammen mit den übrigen Geldstrafen und Prozesskosten fallen für die Aktivist*innen damit rund 200.000 Euro an.
Breite Solidarität
Sofort gründeten sich Solidaritätskomitees wie das Antifaschistische Koordinierungskomitee und die „Plataforma Libertad 6 de Zaragoza“ (dt. „Plattform Freiheit für die 6 aus Saragossa“), in der sich auch die Familien und prominente Unterstützer*innen engagieren. Sie stellen unermüdlich Gegenöffentlichkeit her, organisieren Proteste und treten der engen Verflochtenheit des Staatsapparates mit der extremen Rechten entschieden entgegen. Der Fall wurde schnell zum Symbol für die galoppierende Einschränkung der Versammlungsfreiheit und weiterer Grundrechte durch den spanischen Staat.
Außerdem wurde eine Crowdfunding-Kampagne gestartet, um die hohen Repressionskosten finanzieren zu können. Es gibt also viele Möglichkeiten, Solidarität mit den Saragossa 6 zu zeigen.
Und sie zeigt auch Wirkung: Im September 2025 wurden zwei der Saragossa 6 aus der Haft entlassen: Javitxu und Adrián. Zurzeit sitzen also „nur“ noch Daniel und Imad – letzterer im offenen Vollzug und in einer Tagesklinik wegen psychi-
scher Probleme. Auch diese beiden Antifaschisten müssen sofort freikommen.
Libertad para los 6 de Zaragoza!
Dieser Beitrag wurde in der Sonderzeitung der Roten Hilfe zum diesjährigen Tag der politischen Gefangenen veröffentlicht, in der auch Repression außerhalb Deutschlands thematisiert wird. Schaut doch mal rein!
Mehr zur Solidaritätsarbeit für die betroffenen Antifaschist:innen in Saragossa und politische Einschätzungen findet ihr beim Solidaritätskomitee „Platforma Libertad 6 de Zaragoza“ unter libertad6dezaragoza.info. Dort findet sich auch die vielbeachtete Solidaritätserklärung, die von Tausenden unterzeichnet wurde; da die Seite auf Spanisch ist, haben wir hier die Erklärung übersetzt:
Manifest
Für das Demonstrationsrecht und die demokratischen Freiheiten: Libertad 6, Zaragoza
Unser Engagement für Freiheit und Gleichheit hat uns an jenem Tag dazu bewegt, zu demonstrieren, auf die Straßen unserer Stadt zu gehen und Respekt für alle einzufordern – gegenüber jenen, die darauf bestehen, Hass und Angst zu schüren.
Aus diesem Grund entspringt diese Kampagne der Gewissheit, das Richtige zu tun, aber auch der Angst und Ohnmacht angesichts einer ungerechten Verurteilung und eines Gerichtsverfahrens, das die Unschuldsvermutung missachtet.Diese Kampagne entstand aus der Wut heraus, dass wir aufgrund willkürlicher Festnahmen, fehlender belastender Beweise und einer polizeilichen Inszenierung verurteilt wurden, die jedoch nicht darüber hinwegtäuschen konnte, dass wir unschuldig sind. Aus dem Schmerz und der Empörung heraus, die ein Urteil hervorruft, das die Höchststrafe für zwei Straftaten anwendet, bis sich eine Ungeheuerlichkeit ergibt: 7 Jahre Haft für vier von uns und Geldstrafen in Höhe von 11.000 €, dazu ein Jahr Bewährung für die beiden anderen Angeklagten.
Wir sehen darin eine Verurteilung des Demonstrationsrechts selbst, auf dem jede Demokratie beruht. Das Urteil verstößt somit gegen die Grundprinzipien der Menschenrechte und ist leider nicht das erste dieser Art. Wird es das letzte sein?
Diese Erklärung ist ein Plädoyer für unsere Freiheit und die aller Menschen, ein Manifest, das um die Unterstützung von Einzelpersonen und Gruppen bittet, die dieses Urteil als ungerecht empfinden. Heute sind wir sechs junge Menschen aus Zaragoza, morgen könntet ihr es sein.

Aktivitäten zum Tag der politischen Gefangenen in eurer Region findet ihr wie immer auf der Terminseite.
