Rechte StreamerInnen und MedienaktivistInnen im Rhein-Main-Gebiet – Teil 1
StreamerInnen und andere MedienaktivistInnen sind spätestens seit den Corona-Protesten auch im Rhein-Main-Gebiet fester Bestandteil rechter Szenen. Sie weben ein Netz rechter »alternativer Medien«, die Gegenöffentlichkeit zu den verhassten »Systemmedien« schaffen sollen. Ausgestattet mit (angeblichen) Presseausweisen fühlen sich viele von ihnen mittlerweile unantastbar. Immer öfter und selbstbewusster tauchen sie bei linken Veranstaltungen auf, um Teilnehmende zu filmen und zu provozieren. Dahinter steckt auch das Kalkül, »spektakuläre« Bilder zu erzeugen, um die eigenen Kanäle zu pushen und damit Geld zu verdienen. Für Antifaschist*innen stellen sie eine permanente Gefahr dar.

Medienaktivist*innen sind Personen, deren Hauptaktivität darin besteht, ihre politische oder kulturelle Agenda über Medien zu verbreiten. Sie bespielen Internetseiten, Soziale Netzwerke, Videoplattformen und Messengerdienste, um für ihre Gruppen und Szenen zu werben. Sie verbreiten Filme, Podcasts, Blogs und Schriften, die sie selbst produzieren und/oder aus anderen Quellen zusammenführen. Streamer*innen senden Live-Berichte von allen möglichen Ereignissen direkt ins Internet. Dafür nutzen sie eigene Kanäle, meist auf YouTube und Telegram.
Insbesondere den rechten StreamerInnen kommt die Aufgabe zu, den Auftritten ihrer Gruppen mehr Bedeutung zu verschaffen. So beklagen die RednerInnen der Frankfurter »Montagsdemos« der rechten Verschwörungsszene beständig die geringe Zahl der Teilnehmenden – manchmal sind es nur zwei Dutzend Personen. Doch motivieren sie sich dadurch, dass sie stets von »ihren« StreamerInnen begleitet werden, die ihre Aufzüge in die Welt tragen und damit angeblich Hunderttausende Menschen erreichen. Dass so manche (ehemalige) AktivistIn heute lieber zu Hause bleibt, um den Aufzug im Livestream »miterleben« zu können, statt an trüben Tagen auf die Straße zu gehen, steht auf einem anderen Blatt. Und es wirft die Frage auf, ob Demonstrationen zunehmend nur den Zweck erfüllen, mediale Bilder zu erzeugen, über die der digitale Transport der Inhalte stattfindet.
Eine Gesellschaft braucht eine gemeinsame Informationsgrundlage. Diese wird von den rechten Medienformaten systematisch untergraben. Die Folge ist die Abschottung und Radikalisierung der Szene in Echokammern.

Der Streamer von der AfD: Sebastian Weber / Weichreite TV
Die Situation ist bezeichnend: Am 5. April 2025 bleibt der rechte Demonstrationszug von Gemeinsam für Deutschland aufgrund antifaschistischer Proteste am Willy-Brandt-Platz in Frankfurt stecken und muss dort vorzeitig seine Abschlusskundgebung abhalten. Umringt von Gegendemonstrant*innen beschwert sich der Veranstalter Thomas Bernt per Lautsprecher über die Situation. Währenddessen filmt Sebastian Weber alias Weichreite TV das Geschehen im Gegenprotest. Weber kommt aus Zwenkau in Sachsen und ist Kreistagsfunktionär der AfD. Sein Stream läuft zu diesem Zeitpunkt bereits seit zweieinhalb Stunden. In dieser Zeit pendelt er zwischen dem rechten Aufzug und der Gegendemonstration hin und her und überträgt dabei auch eine ganze Reihe Unbeteiligter live ins Internet.
Aufgrund seiner Bekanntheit und Aufdringlichkeit wird Weber auf linken Veranstaltungen mittlerweile fast immer konfrontiert. Auch in seinem Video vom 5. April 2025 ist zu sehen, wie Teilnehmer*innen des Gegenprotests versuchen, sich mit Schildern und Regenschirmen vor seinen Aufnahmen zu schützen. Mit Sprechchören und persönlichen Ansprachen fordern sie ihn auf zu gehen. Einer Person, die auf ihn einredet, entgegnet er vor laufender Kamera »Ihre Mutter ist ein Fascho.« Er drängt massiv ins Geschehen, mischt sich lauthals in ein Wortgefecht zwischen Teilnehmenden des rechten Aufzugs und des Gegenprotests ein und versucht, Gegendemonstrant*innen Gespräche aufzuzwingen. Dabei liest er in verächtlichem Tonfall die Aufschriften der Transparente vor und provoziert mit seinen Kommentaren. Den Antifaschist*innen wirft er vor, seine angeblich neutrale Übertragung nicht zur Darstellung ihrer Standpunkte zu nutzen, sondern sich und ihre Sache lächerlich zu machen.

Der Stream vom 5. April wurde bis heute mehr als 110.000 Mal angeklickt. Andere Beiträge von ihm werden noch deutlich häufiger aufgerufen. Nachdem sein YouTube-Kanal Anfang Mai offenbar gehackt wurde und seine Videos zeitweise nicht abrufbar waren, sind inzwischen wieder die meisten online verfügbar.
Weber filmt alle politischen Veranstaltungen, die er vor die Linse bekommt. Davon lebt er. Er sammelt online sowie bei seinen Aktionen Spenden für sich ein und generiert Werbeeinnahmen über seine YouTube-Videos, die umso höher ausfallen, je mehr Klicks sie erhalten. Die vorübergehende Löschung seines YouTube-Kanals dürfte für ihn einen finanziellen Einbruch bedeutet haben.
Wenn Weber von der Polizei weggeschickt oder auf andere Weise bei seinen Aufnahmen behindert wird, wird er nicht müde, zu betonen, dass er ein Pressevertreter sei, der sein Recht aus Art. 5 Grundgesetz wahrnehmen und Interviews führen würde. Zuletzt führte sein provokantes Auftreten zu seiner vorübergehenden Festnahme beim Gründungskongress des hessischen Landesverbands der AfD-Parteijugend Generation Deutschland am 28. März 2025 in Fulda. Im Nachgang wurde diese von Rechten als »Angriff auf die Pressefreiheit« und als Zusammenarbeit zwischen Antifa und Polizei dargestellt.

Politische AktivistInnen mit »Presseausweis«
Weber ist einer der bekanntesten rechten Streamer Deutschlands und öfter im Rhein-Main-Gebiet anzutreffen. Er verkauft über seinen Webshop »Weichreite Merch« und hat mittlerweile richtige Fans. So reisten zur »Montagsdemo« der Klartext-Bürgerzeitung am 24. November 2025 in Frankfurt ein paar Rechte extra aus dem Saarland an, um »Weichi« live zu erleben.
Weber lässt seine Abonnent*innen sogar online darüber abstimmen, welches kommende Event sie am meisten interessiert. Gemäß den Kommentaren richtet sich die Entscheidung oft nach der Erwartung, dass bei den zur Auswahl stehenden Veranstaltungen etwas »geht«. Denn für seine Zuschauer*innen ist die Konfrontation mit Antifaschist*innen und Polizei weitaus unterhaltsamer als das Gelatsche durch abgesperrte Straßen und die immer gleichen Redebeiträge auf den rechten Aufzügen.
Dementsprechend sind rechte StreamerInnen bevorzugt bei Veranstaltungen mit Gegenprotesten anzutreffen. Sie brauchen Action und Spektakel, um Klicks zu generieren und ihre Videos mit reißerischen Titeln versehen zu können. Manche Szenen werden als Kurzvideos, sogenannte »Shorts«, nochmals separat als »Highlights« aufbereitet. Dies führt Antifaschist*innen in ein Dilemma, denn je mehr sie die StreamerInnen angehen, desto mehr verwertbaren Stoff liefern sie diesen.

StreamerInnen wie Weber greifen – ein journalistisches No-Go – aktiv ins Geschehen ein. Sie heizen Situationen auf, provozieren gezielt, um dann ein angeblich feindseliges und gewalttätiges Verhalten der Gegenseite zeigen zu können. Auf rechte AkteurInnen gehen sie hingegen wohlwollend zu und stellen keine provokanten Fragen.
Schon an diesem Beispiel wird deutlich, wie unglaubwürdig das Etikett »Presse« ist, mit dem rechte StreamerInnen auftreten. Sie behaupten, nur zu dokumentieren und einen unverfälschten Blick auf Ereignisse zu liefern. Doch das tun sie nicht. Ihnen geht es nicht ums Informieren sondern um Emotionalisierung.
Sie nutzen die Formen des Journalismus, erfüllen aber nicht die dazugehörenden Grundprinzipien, wie etwa die Nennung von abweichenden Positionen oder die Kennzeichnung, was eine Nachricht und was eine Meinung ist. Sie polemisieren, setzen reißerische Titel, erklären aber nicht, wie sie zu diesen kommen. Vielmehr manipulieren sie durch »Cherry Picking« (»Rosinenpicken«), was meint, es werden möglichst nur Bilder, Zitate und Informationen präsentiert, die die eigenen Ansichten und Behauptungen stützen sollen. Diese sind oft aus dem Kontext gerissen, während gegenläufige Informationen bewusst verschwiegen oder als Lüge abgetan werden. Zudem betreiben sie ein bewusstes Framing zugunsten rechter Gruppen wie der AfD. Ihre klare politische Parteinahme und die Unterstützung rechter Narrative verschleiern sie als Journalismus.
Zudem verstoßen Personen, die mit laufender Kamera in Versammlungen eindringen oder sich unmittelbar an deren Rand aufhalten, um live zu senden, meist gegen Persönlichkeitsrechte von Teilnehmenden. Denn die porträthafte öffentliche Darstellung von Teilnehmer*innen einer Demonstration ist nicht gestattet, es sei denn, es handelt sich um Personen, die prominent sind, die selbst mit Namen öffentlich auftreten, sich auf andere Weise stark exponieren oder ausdrücklich ihr Einverständnis signalisieren, gefilmt zu werden. Denn eine Livesendung unterliegt keiner redaktionellen Kontrolle, sie erlaubt keine Schnitte und Korrekturen. In der Menge oder wenn man den Aufzug in zwei Meter Entfernung passieren lässt, kann gar nicht verhindert werden, dass Personen porträthaft ins Bild geraten, die dies nicht möchten. Dies betrifft auch Minderjährige, die rechtlich besonders geschützt sind, sowie Unbeteiligte, die unfreiwillig ins Demonstrationsgeschehen geraten.
Rechte MedienaktivistInnen geben vor, ein breites Publikum anzusprechen, das sich mithilfe eines vielfältigen medialen Angebots eine Meinung bilden will. In ihren Communitys sammeln sich jedoch Personen, die in ihrer (rechten) Meinung bestätigt werden wollen – und dies auch werden. Sie nutzen die gelieferten Bilder auch dazu, missliebige Personen bloßzustellen und zu identifizieren. Immer mehr Betroffene – von Jugendlichen bis zu »Omas gegen Rechts« – berichten, wie sie identifizierbar gemacht wurden und nun Shitstorms, Morddrohungen und teilweise auch direkten Angriffen ausgesetzt sind.


In der Neonaziszene: Manuel Mann / Mein Mittelhessen
So wie Weichreite TV gehen auch weniger bekannte rechte StreamerInnen vor. Dabei handelt es sich in der Regel um Männer, die sich mal mehr und mal weniger professionell ausrüsten und politische Veranstaltungen aller Art live ins Internet übertragen.
Einer von ihnen ist Manuel Mann aus Gladenbach bei Marburg. Er war in den 2000er Jahren einer der führenden Neonazis in Mittelhessen. Unter anderem wegen des Vorwurfs, als Spitzel für die Sicherheitsbehörden tätig zu sein, hatte er seine politischen Aktivitäten zwischenzeitlich eingestellt.
Im Zuge der Corona-Proteste wurde Mann wieder politisch aktiv. Er meldete Veranstaltungen der rechten Verschwörungsszene an und trat dann Anfang 2025 plötzlich als »Presse« auf. Er gründete den YouTube-Kanal Mein Mittelhessen und streamt seitdem oft mehrmals pro Woche von unterschiedlichen Veranstaltungen. Auf seinem Kanal sind Beiträge von den Frankfurter »Montagsdemos« der Klartext-Bürgerzeitung, von Protesten gegen Windkraftanlagen, von Veranstaltungen der AfD sowie von Aufzügen neonazistischer Kameradschaften und der Neonazi-Partei Die Heimat zu finden – aber auch Sendungen von einem Zeltlager der Jugendfeuerwehr und einer Charity-Aktion von Motorradfahrer*innen. So trägt er zur Normalisierung des Neonazismus im digitalen Raum bei.

Mann lässt in Videoclips VertreterInnen rechter Gruppen von Neonazi-Kameradschaften bis zur AfD für ihre Ideologie und ihre Aufzüge werben und streut über seinen Telegram-Kanal deren Beiträge. Die Haftentlassung des wegen Beihilfe zur Mordserie des Nationalsozialistischen Untergrunds (NSU) verurteilten Ralf Wohlleben im Mai 2026 kommentiert er mit den Worten: »Willkommen zurück!«
Zunächst fokussierte er sich auf Mittelhessen und das Rhein-Main-Gebiet, mittlerweile nimmt er überregional an Veranstaltungen teil, wie am 1. Mai 2026 an einer Demonstration von Die Heimat in Essen. Am 19. Februar 2026 streamte er in Hanau das antifaschistische Gedenken an die Opfer der rassistischen Morde vom 19. Februar 2020 und sprach im Nachgang davon, dort angegriffen worden zu sein. Damit meint er die Versuche, ihn durch Plakate oder körperliches Abschirmen vom aufdringlichen Abfilmen der Teilnehmenden abzuhalten. Bereits während der Aufnahmen beschwerte er sich über diesen angeblichen Eingriff in seine Pressefreiheit.
Mann wechselt seine Rolle situativ, mal ist er Politaktivist, mal tut er so, als sei er Presse. Er ist für die Neonaziszene nicht nur dadurch aktiv, dass er ihr eine Werbeplattform bietet. So organisierte er am 29. Juli 2024 in Gladenbach eine Veranstaltung mit Martin Sellner, dem führenden Kopf der neofaschistischen Identitären Bewegung. Am 15. November 2025 streamte er einen »Fackelmarsch« von Die Heimat in Staufenberg bei Gießen. Während der Redebeiträge und des Absingens des Deutschlandliedes ließ er die Kamera laufen, reihte sich in die Teilnehmenden ein und sang alle drei Strophen mit. Am Ende empörte er sich darüber, dass die Polizei ihn kontrollierte. Den Polizist*innen erzählte er, er habe einen Presseausweis und sei »kein Teilnehmer dieser Versammlung«.

Der Bewegungsunternehmer: Paul Hildebrand / Dauerwelle Demo Report
Am 19. Februar war Manuel Mann in Hanau zusammen mit Paul Hildebrand alias Dauerwelle Demo Report unterwegs. Hildebrand kommt aus Michelstadt im Odenwald und ist der umtriebigste rechte Streamer im Rhein-Main-Gebiet. Er ist in diesem Metier schon länger als Mann aktiv und hat eine deutlich größere Reichweite. Je nach Veranstaltung erreicht er vier- bis fünfstellige Aufrufzahlen. Aktuell hat sein YouTube-Kanal rund 10.000 Abonnent*innen.
Hildebrand ist der Haus- und Hofberichterstatter der rechten Verschwörungsszene und bei nahezu allen Anlässen dabei: bei den Aufzügen der Klartext-Bürgerzeitung und von Rhein-Main-steht-auf, bei den »Mahnwachen« von Leuchtturm ARD, bei den vielen Saalveranstaltungen und Kongressen der Szene.
Anfangs war er noch auf die rechte Verschwörungsszene beschränkt, doch er hat seinen Aktionsraum stetig erweitert. So sendete er am 29. März 2025 live von einer Demonstration der Friedensbewegung in Wiesbaden und filmte am selben Abend eine Veranstaltung der AfD in Kleinwallstadt im Landkreis Miltenberg. Am 14. Juni 2025 begleitete er mit seiner Kamera einen Aufzug der Neonazigruppe Der Störtrupp in Pforzheim. Im Jahr 2026 streamte er aus Frankfurt unter anderem von einer Demonstration am Frauenkampftag, vom Schulstreik gegen die Wehrpflicht und von der 1. Mai-Kundgebung der Gewerkschaften. Je nach Anlass ist er sogar europaweit unterwegs. So jettete er am 13. Dezember 2025 nach London, um eine Demonstration gegen die geplante Einführung der digitalen ID zu streamen.
Er bekennt sich offen zur AfD, berichtet häufig von AfD-Veranstaltungen und versieht seine Videos mit Titeln wie »Die AfD ist nicht rechtsextrem, die AfD hat einfach nur extrem recht« – eines von vielen Beispielen dafür, wie unter dem Deckmantel des Journalismus Werbung für die AfD betrieben wird.

Hildebrand ist sich seiner Sache sehr sicher. Er belehrt Polizist*innen und Demonstrant*innen in überheblicher Weise über seine vermeintlichen Befugnisse als Pressevertreter. Er filmt Konfrontationen gezielt mit und setzt sich dabei stets selbst ins Bild. Seine Beiträge auf YouTube und Telegram strotzen von hämischen und abwertenden Kommentaren über politische Gegner*innen. Dabei zielt seine Darstellung einzig darauf ab, deren Standpunkte und Aktionen ins Lächerliche zu ziehen.
Er nutzt seine Reichweite, um für verschiedene rechte Veranstaltungen und Anlässe zu werben, darunter auch eindeutig neonazistische Events. Somit stellen seine Kanäle auch eine Plattform für die Neonaziszene dar.

Hildebrand verbindet seinen politischen Aktivismus mit klaren finanziellen Interessen. Er betreibt mit »Pauls Shop« einen Versandhandel für den Bedarf der rechten Verschwörungsszene. Zu vielen Treffen reist er mit einem Verkaufsstand an. Auf Stickern, Fahnen und Kleidung bespielt er sämtliche Themen der Szene. Zudem verkauft er AfD-Merchandise. Viele der Motive entwirft und produziert er selbst, die Artikel präsentiert er in seinen Streams und auf seinen Kanälen. Dabei verpackt er radikale Aussagen in ironisch erscheinende Motive. Er macht sich Zuschreibungen politischer Gegner*innen zu eigen und bettet sie in seine Marketingstrategie ein. Am 4. April 2025 wurde er in einem Artikel auf Rhein-Main Rechtsaußen als »rechter Streamer« bezeichnet. Bereits am darauffolgenden Tag trug er bei einem Aufzug von Gemeinsam für Deutschland ein druckfrisches Shirt mit dem Aufdruck »Rechter Streamer«.
Aufgrund der Reichweite und Häufigkeit seiner Veröffentlichungen – meist mehrmals pro Woche – ist davon auszugehen, dass die Werbeeinnahmen auf YouTube ein weiteres finanzielles Standbein für ihn darstellen.
Aus dem Bewegungsaktivisten Hildebrand ist ein Unternehmer geworden, der aus seiner Bekanntheit Kapital schlägt. So warb er auf seinem Telegram-Kanal für den Online-Finanzdienstleister Trade Republic und bot seinen Abonnent*innen an, dort ein Depot für ihre Kinder einzurichten. Pro Person, die er anwarb, erhielt er Aktien im Wert von 100 Euro.
Mittlerweile dokumentiert Hildebrand auf Dauerwelle Demo Report seine Urlaubsreisen und Wochenendausflüge. Dies zeigt seinen immer stärker werdenden Geltungsdrang und lässt die Grenzen zwischen Streaming, Bloggen und Influencing verschwimmen. Dabei spart er nicht mit eindeutigen Kommentaren. So schreibt er über einen Trip zu einem Badesee in Sachsen im Juni 2026, dieser sei »sehr angenehm« und »fast wie ein anderes Land« gewesen. Es habe keine Shishas auf der Wiese gegeben und er habe »kein einziges Wallah oder Brudi gehört.«


Im Dienst der Partei: Ingo Helge und Daniela Gombel / DieBasis Landesverband Hessen
Während sich Hildebrand, der vor der Corona-Zeit politisch unbekannt war, im Sog der rechten Verschwörungsszene und der AfD immer weiter nach rechts radikalisierte, erschlossen sich extreme Rechte diese Szene von Anfang an als Aktionsfeld.
Ein Beispiel hierfür ist neben Manuel Mann Ingo Helge aus Solms. Er und seine Partnerin Daniela Gombel bilden das »Medienteam« des hessischen Landesverbands der Partei DieBasis und betreuen deren YouTube-Kanal. Beide sitzen auch im Vorstand des Kreisverbands Lahn-Dill von DieBasis.
Helge trat ab 2005 im Raum Mainz und im Naheland als exponierter Neonazi in Erscheinung. Er war eine Führungsperson der regionalen Kameradschaftsszene um die Nationalen Sozialisten Mainz-Bingen und die Kameradschaft Rheinhessen. 2009 übernahm er den Vorsitz des NPD-Kreisverbands Naheland und kandidierte in den folgenden Jahren mehrfach für die NPD. Zwischenzeitlich lebte er in Niedersachsen, wo er dem NPD-Landesvorstand angehörte. Seit 2017 wohnt er in Hessen. 2018 war er Landesvorsitzender der hessischen NPD, ab 2019 stellvertretender Landesvorsitzender. Bis 2021 war er für die damals noch existierende NPD-Stadtratsfraktion in Wetzlar tätig, bevor er im März 2021 selbst auf der NPD-Liste für das Wetzlarer Stadtparlament kandidierte.
Helge gibt als Beruf »Anwendungsentwickler« an. Bereits in den 2000er Jahren erstellte er Homepages für rechte Gruppen und war für sie als Fotograf und Filmer tätig. Als deren »Weltnetzwerkverwalter« gestaltete er die Internetpräsenz der Bundes-NPD. Noch im Dezember 2021 war er auf der Homepage der NPD als Beisitzer im NPD-Bundesvorstand aufgeführt.


Im Jahr 2019 nahm er gemeinsam mit anderen NPD-Funktionären an Aufzügen der sogenannten Gelbwesten in Gießen teil. Ein Jahr später wurde er in den Corona-Protesten aktiv. Im August 2020 gab er inmitten einer Großdemonstration der Szene in Berlin dem Videokanal der NPD-Zeitung Deutsche Stimme (DS-TV) ein Interview. Er sagte: »Gesunde Menschen brauchen keine Impfung und kranke Menschen werden nur noch kranker durch Impfungen«. Das Impfprogramm sei eine Agenda von Bill Gates und der »Hochfinanz«.
In seinen Reden fiel Helge immer wieder durch eine aggressive Hetze gegen Geflüchtete auf. Bis 2024 betrieb er den YouTube-Kanal scharf-und-wuerzig.tv, der eindeutig dem Spektrum um die NPD zuzuordnen war, obwohl darin nicht explizit für die Partei geworben wurde. Das übergeordnete Thema waren dort Corona und die Berichterstattung über die Corona-Proteste. Diese verknüpfte er mit extrem rechter Hetze. In der ersten Sendung, die am 2. März 2020 online ging, machte er eine »zwangsglobalisierte Welt« und »künstlich erzeugte Flüchtlingsströme« für die Pandemie verantwortlich. Er behauptete, dass vielfach »Asylbetrüger« das Virus nach Deutschland einschleppen würden. Sein Rezept gegen die Ausbreitung des Virus: »Grenzen dichtmachen, Sicherheit wiederherstellen und Geborgenheit für unsere Leute wieder schaffen.« Bis ins Jahr 2022 fungierte die NPD-Bundesgeschäftsstelle in Berlin als Impressum des Kanals.
Parallel dazu etablierte sich Helge als Filmer der rechten Verschwörungsszene im Lahn-Dill-Kreis und im Wetteraukreis. So rief Ute Falk-Offenbach, eine führende Sprecherin der Corona-Proteste in der Region, im März 2022 auf einer Kundgebung in Wetzlar zu Spenden für ihn auf, damit er seine Medienarbeit weiterführen könne. Falk-Offenbach kommt aus dem evangelikalen Milieu, vertritt Ansichten der Reichsbürger und wettert gegen die Rothschild-Dynastie, die ihrer Meinung nach hinter (fast) allem Unheil steckt. Heute gehört sie dem Vorstand des Südwest-Verbands der Christen in der AfD an.

Spätestens Ende 2022 stieg Daniela Gombel in das Projekt scharf-und-würzig.tv ein. Sie war bereits als Rednerin bei Corona-Protesten sowie als Gründungsmitglied des Kreisverbands von DieBasis im Lahn-Dill-Kreis bekannt. Nun erweiterte sich das Format des Kanals beträchtlich. Gombel führte Interviews und leitete Gesprächsrunden, in denen vermeintliche Fachleute zu verschwörungsideologisch besetzten Themen auftraten. In etlichen Beträgen wurden die Fakten des Klimawandels geleugnet und eine »falsche Klimahysterie« angeprangert. Mit der Berichterstattung vom rechten »Hambacher Fest« im Mai 2024 in Neustadt an der Weinstraße wurde der Kanal schließlich eingestellt.
Im direkten Anschluss übernahmen Helge und Gombel den YouTube-Kanal des hessischen Landesverbands von DieBasis. Dieser war im Februar 2021 gegründet worden, hatte jedoch nur vier Sendungen produziert und lag seit März 2021 brach. Ab Mai 2024 folgten nun in dichtem Takt Mitschnitte von Aufzügen, Infoständen und Vortragsveranstaltungen von DieBasis, Vorstellungen ihrer FunktionsträgerInnen sowie jede Menge Parteipropaganda und Wahlwerbung. Meistens führt Gombel das Mikrofon und Helge die Kamera. Die hervorstechenden Themen sind heute »Friedenspolitik«, die Corona-Politik und die Leugnung der Fakten des Klimawandels.

Auf dem YouTube-Kanal Die Basis Landesverband Hessen ist nur ein einziger Livestream zu finden. Gombel und Helge streben keine Tagesaktualität und kein Spektakel an. Sie suchen nicht die Konfrontation und sind keine SelbstdarstellerInnen wie Sebastian Weber und Paul Hildebrand. Vielmehr beschränken sie sich darauf, ihre Partei DieBasis und nahestehende Strukturen medial darzustellen.
Einen »Ausstieg« aus der Neonaziszene hat Ingo Helge nie öffentlich erklärt. Von seiner neonazistischen Vergangenheit und seinen rassistischen Hetzreden hat er sich ebenfalls nie öffentlich distanziert. Der Landesvorstand Hessen von DieBasis führte ihn bis zum Herbst 2024 auf seiner Homepage als »Medienbeauftragten«, dann verschwand dort sein Name. Vermutlich wurde dem Landesvorstand die Personalie Helge zu heiß. Dies bedeutet jedoch lediglich, dass er nicht mehr namentlich genannt wird. Der Kreisverband Lahn-Dill hat damit kein Problem. Am 8. März wurde Ingo Helge zum Vorsitzenden von DieBasis im Lahn-Dill-Kreis gewählt, Daniela Gombel ist stellvertretende Kassenwärtin.
Rhein-Main Rechtsaußen ist eine Plattform für Recherchen zur extremen Rechten im Rhein-Main-Gebiet. Dort veröffentlichen verschiedene Autor*innenkollektive, zudem spiegeln Sie Artikel von anderen Projekten, die in ähnlichem Sinne arbeiten. Das Hauptaugenmerk liegt auf fundierten Recherchen.
