Mit 200 Genoss:innen sind wir am 31.12. gemeinsam zur JVA Karlsruhe gezogen um die Gefangenen zu grüßen. Die Tradition an Silvester zu den Knästen zu gehen, um gemeinsam mit den politischen und sozialen Gefangenen in das neue Jahr zu starten, hat für unsere Bewegung in der gesamten Bundesrepublik eine lange Tradition. Vor 36 Jahren versammelten sich in Stuttgart-Stammheim Linke und Revolutionär:innen, um ihre Solidarität mit den Gefangenen der Roten Armee Fraktion auszudrücken. Auch heute sitzen wieder so viele Linke Aktivist:innen in Haft wie schon lange nicht mehr.
Für unsere heutige Bewegung in Karlsruhe fand zum ersten Mal eine Demonstration zu Silvester in unserer Stadt statt.
Nachdem die Demonstration direkt an der Rückseite der JVA, die dort sitzenden Gefangenen mit Pyrotechnik und Raketen gegrüßt hatte, und der Fassade punktuell ein neuer Anstrich verpasst wurde, versuchten die Bullen die weitere Demoroute zu blockieren. Nach kurzem Manöver auf welcher Seite sich für uns der beste Ausweg befinden könnte, lösten die Bullen die Versammlung vollständig und das führte dazu, dass diverse Kleingruppen selbstständig durch die Straßen ziehen konnten. Dies geschah unter stets anwachsender Polizeiverfolgung. Aber durch unsere Spontanität und die sichtlich mit der Situation überforderten Bullen war es für uns möglich eine Dynamik zu ergreifen und somit die die Einsatzkräfte zu zwingen sich spontan an die Gegebenheiten anpassen zu müssen.
Wegen der punktuellen Defensive der Cops ließen sie es sich nicht nehmen, am Bahnhof dann noch eine größere Anzahl an Personen, die für die Demonstration angereist waren zu kontrollieren um so wieder die Oberhand zu gewinnen. Dennoch denken wir, dass es wichtig ist neue Wege auszuprobieren.
In Zeiten in denen unsere Handlungsfähigkeit auf der Straße immer weiter eingeschränkt wird, Demos permanent gestoppt, gekesselt oder gar nicht los laufen gelassen werden, sehen wir das entstandene Chaos als Erfolg.
Es war richtig selbstbestimmt zu Handeln und nicht zu warten bis die Bullen genug Leute haben um langsam den Kessel um uns schließen zu können. Wir müssen unsere Taktiken an die sich zuspitzenden Verhältnisse anpassen, neue Sachen ausprobieren und kreativ werden.
Wir sehen die Schwierigkeiten und mit Sicherheit werden wir dabei auch den ein oder anderen Fehler begehen. Diese gilt es im Anschluss zu analysieren, um das nächste mal noch besser aufgestellt zu sein.
Wir wünschen allen Genoss:innen ein frohes neues Jahr!
Mut und Kraft in Untergrund und Haft.
Auf LiKA, dem Linken und revolutionären Infoportal für Karlsruhe auf Instagram findet ihr auch Videos von der Demonstration (siehe Quellenlink). An dieser Stelle möchten wir dem Bericht aber auch noch die Rede der Antifaschistischen Aktion Süd auf der Auftaktkundgebung in Karlsruhe ergänzen:
Wieder Silvester, wieder eine Demo zum Knast. In der ganzen Bundesrepublik und darüber hinaus sitzen unsere Genoss:innen in Haft. Dieser Staat macht sie zu politischen Gefangenen, weil sie es nicht einfach hinnehmen, dass Nazis wieder selbstbewusster auftreten, sich organisieren und Teile dieses Landes für Migrant:innen, Geflüchtete und queere Menschen keine sicheren Orte sind – und niemals waren. Er kriminalisiert sie, weil sie wissen, dass wir uns im Kampf gegen Nazis nicht auf den Staat verlassen können. Weil sie nicht vergeblich auf sein Eingreifen oder gar seine Hilfe warten, sondern das Ruder selbst in die Hand nehmen.
Dieser Staat sperrt Menschen unserer Klasse ein. Er macht sie zu sozialen Gefangenen, und steckt sie in den Knast, weil sie sich keine Fahrtickets leisten können, weil sie ihre Miete immer teurer wird und sie auf der Straße landen, weil sie klauen müssen, um zu überleben. Er verhaftet sie und sperrt sie ein, um sie möglichst unkompliziert in Länder abschieben zu können, in denen ihnen Armut, Hunger und Verfolgung drohen, in denen Krieg herrscht – mitfinanziert von deutschen Banken, mitverursacht von deutschen Waffen.
Diesem Staat geht es nicht darum, ihnen und uns allen ein sicheres und sorgenfreies Leben zu bieten. Es geht ihm nicht um unseren Schutz oder um Gerechtigkeit. Es geht ihm darum, die Interessen der Herrschenden, zu schützen, dafür zu sorgen, dass sie weiter auf unserem Rücken Profite scheffeln können.
Es geht ihm auch nicht darum, gegen die Rechten aktiv zu werden. Im Gegenteil! Der Staat ist selbst Teil der Rechtsentwicklung: immer mehr Polizeibefugnisse, eine noch unmenschlichere Asylpolitik, Kürzungen bei Kultur, Bildung und Sozialem zugunsten von Kriegstreiberei und Aufrüstung im Inneren. Abschiebungen im größeren Stil und alltägliche Hetze gegen Migrant:innen stehen dabei keineswegs nur bei der AfD oder der CDU auf der Agenda. Sie werden von allen bürgerlichen Parteien mit getragen. Es ist kein Zufall, dass Rechte mit Samthandschuhen betätschelt werden und Polizei und Justiz nur bei den plumpesten Versuchen eines rechten Umsturzes eingreifen, während die Repression gegen unsere Seite zunimmt.
Repression straft diejenigen ab, die aus der Reihe tanzen. Wer militanten Antifaschismus ernst meint, wer das staatliche Gewaltmonopol in Frage stellt, wer eigene Strukturen, nach eigenen Regeln und Vorstellungen, aufbaut, der stellt die gesellschaftliche Ordnung in Frage, der stellt ein System in Frage, in dem die Wenigen über die Vielen herrschen. Der stellt einen politischen Apparat in Frage, der uns ruhigstellen soll. Egal, wie beschissen die Gesamtsituation ist, egal wie vielen Kulturzentren und Sozialhilfe Einrichtungen die Gelder gekürzt werden, egal wie viele Panzer statt medizinischer Geräte produziert werden – wir hier unten, die Auszubildenden, Arbeiter:innen, Studierenden und Schüler:innen sollen verdammt nochmal die Füße stillhalten. Während sich die da oben, die Spitzenpolitiker:innen und Konzernbonzen, auf unsere Kosten la dolce vita gönnen.
Genau deshalb soll an unseren Genoss:innen ein Exempel statuiert werden. Weil sie nicht brav auf irgendeine fadenscheinige Reaktion des Staates auf das Erstarken der Rechten warten. Weil sie die Sache selbst in die Hand nehmen. Wer das tut gilt als Terrorist und wird verfolgt, nach dem wird öffentlich gefahndet, der wird weg gesperrt und wie in Majas Fall sogar rechtswidrig in einen rechten Staat ausgeliefert, der Majas Identität nicht anerkennt, für den Maja nicht existiert, der Maja unter menschenunwürdigen Umständen isoliert, foltert und lieber fast im Hungerstreik sterben lässt, als Maja auch nur minimale Hafterleichterungen zuzugestehen.
Es geht darum, militanten Antifaschismus zu delegitimieren und zu isolieren. Und es geht auch darum, Andere davon abzuhalten, den Beispielen von antifaschistischer Gewalt zu folgen und Nazis direkt zu bekämpfen. Beiden Versuchen müssen wir als antifaschistische Bewegung geschlossen entgegentreten und selbstbewusst sagen: Antifaschismus bleibt notwendig.
Gerade jetzt. Auf allen Ebenen, mit allen Mitteln!
Wenn wir zurück ins Jahr 2025 blicken, sehen wir auch, was Solidarität und Widerstand bewirken können: Breite Unterstützung für Maja während des Hungerstreiks, für Hanna in München und für all die anderen Betroffenen des „Budapest-Komplex“ und „Antifa Ost“, für die Ulm 5, für Nico und für unseren Genossen Max. Auch kommendes Jahr wird unsere Solidarität weiterhin gefragt sein. Momente wie heute, wenn bundesweit Demos zu den Knästen stattfinden, sind ein wichtiger Bestandteil davon.
Dieser Staat nimmt uns nicht nur unsere Genoss:innen und unsere Klassengeschwister. Er fordert uns auch heraus und er gibt uns – ob er will oder nicht – eine Aufgabe mit auf den Weg: Wir müssen weitermachen und wir müssen besser werden. So, wie es ist, muss es nicht bleiben. Und wenn er uns signalisiert, dass er uns mit Repression überzieht, dann werfen wir nicht unsere Praxis über Bord, dann sind wir beim nächsten Mal schneller.
Wenn er unsere Leute in den Knast steckt, dann ist das nicht aller Tage Abend; dann kämpfen wir weiter, drinnen wie draußen, lassen unsere Leute nicht allein und heißen sie in unseren Reihen willkommen, wenn sie wieder rauskommen.
Die Zeiten, in denen wir uns befinden sind stürmisch. Damit unsere Bewegung trotz Repression wachsen und stärker werden kann, braucht es Organisierung.
Denn Antifaschismus heißt nicht nur Nazis boxen. Direkte Auseinandersetzungen mit Faschist:innen sind nur ein, wenn auch ein wichtiger Teil, unseres Kampfes. Eine Speiche, die nur gemeinsam mit allen anderen Aspekten antifaschistischer Politik das Rad am Laufen hält.
Wir müssen antifaschistische Politik bewusst und organisiert angehen. Wir müssen antifaschistisches Bewusstsein in der Gesellschaft stärken, unsere Politik greifbar machen und mehr Leute für unseren Kampf gewinnen.
Denn während sich unsere Klasse wieder vermehrt politisiert, ist sie gleichzeitig durchzogen von Spaltung, Vereinzelung und Perspektivlosigkeit.
Die Suche nach einer Perspektive, die dieser Staat uns nicht bieten wird, öffnet nicht nur uns, sondern auch den Rechten neue Türen, ihre Hetze unters Volk zu bringen und als vermeintliche Lösungen für unsere Klasse zu verkaufen. Die Sorgen und Probleme unserer Klasse sind real, doch dort wo die Lösung aus Mangel an Alternativen in rechter, reaktionärer Politik gesucht wird, dort wo unsere Klasse rechten Lügen auf den Leim geht, gilt es, diese zu entlarven!In Stadtvierteln, in Betrieben, in Linken Zentren: Wenn wir uns zusammenschließen, uns als Teile eines gemeinsamen Kampfes verstehen und eine kollektive Stärke entwickeln, dann schaffen wir die richtigen Bedingungen, das Blatt in Zeiten von Repression, Rechtsentwicklung, Krieg und Krise zu wenden und diesen Kampf zu gewinnen.
Er muss gewonnen werden – für all diejenigen, denen dieses System nichts zu bieten hat, die den Faschist:innen ausgesetzt sind, die in diesem Land vergeblich nach Schutz vor Krieg und Tod suchen, für die, die jeden Tag für den dritten Lamborghini ihres Chefs buckeln müssen. Für uns und alle, die sich nicht gegeneinander ausspielen lassen wollen, sondern gemeinsam in Frieden leben wollen.
Nazis auf’s Maul!
Kampf ihrer Klassenjustiz!
Für das gute Leben für alle!
Neben der Demonstration in Karlruhe gab es in vielen Städten Grüße an linke Gefangene. Zum Beispiel an Leandra von den sog. Ulm5 in Memmingen. In Stuttgart gab es an der berüchtigten JVA in Stammheim bereits einige Tage vor Silvester eine spontane, unangemeldete Demonstration; den Bericht findet ihr hier. Am Nachmittag des 31.12.2025 zogen einige Genoss:innen u.a. vom OAT auch in Pforzheim ans dortige Abschiebegefängnis, um – auch mit Feuerwerk – die Gefangenen zu grüßen:



















