Als Solikreis durften wir für die diesjährige 18.03. Zeitung der Roten Hilfe zum Tag der Politischen Gefangenen eine Artikel besteuern. Inhaltlich geht es um die Erfahrungen mit Nico im Offenen Vollzug und der Versuch einer Einschätzung. Den Artikel könnt ihr hier lesen, die komplette Zeitung findet ihr unten:
Erfahrungswerte des Solikreises und des inhaftierten Genossen Nico
Solikreis Stuttgart, im Januar 2026
In den letzten Jahren haben wir als politische Bewegung einige Erfahrungen mit dem System Knast machen können.
Im geschlossenen Vollzug sind die Fronten und Verhältnisse dabei relativ klar. Darüber wurde auch schon einiges geschrieben. Doch wie ändert sich die Situation im offenen Vollzug? Welche Möglichkeiten und Gefahren ergeben sich durch diese „Freiheiten“? Dass diese Form der Haft kein Geschenk und Zugeständnis ist, lässt sich leicht erahnen, doch was wird versucht, indem mensch Gefangenen gewisse Privilegien zuspricht?
Zuerst einmal möchten wir darauf eingehen, was der sogenannte offene Vollzug überhaupt ist:
Der offene Vollzug ist eine gesonderte Abteilung der Justizvollzugsanstalt, entweder örtlich angebunden an den Knast oder aber eine spezielle Einrichtung, wie in Nicos Beispiel ein Bauernhof in der Nähe von Heilbronn. Dort sieht das Leben durchaus etwas anders aus. Blick aufs Grüne, Freigänge an Wochenenden, Zimmer mit Fenstern anstatt Zellen mit Gittern. Arbeiten auf den Feldern. Doch das ist kein nettes Geschenk als Dankeschön für gutes Benehmen, sondern ein weiterer Mechanismus im Repressionsapparat. Durch diese Privilegien schaffen sich die Vollzugsbehörden ein Druckmittel, um die Gefangenen gefügig zu halten. Durch die Erfahrungen im geschlossenen Vollzug und den Freiheiten jetzt wird unmissverständlich klargemacht, was passiert, wenn nicht nach den Regeln des Knastes gespielt wird. Dieses ständige Bedrohungsszenario schwebt die ganze Zeit wie ein Damoklesschwert über den Gefangenen. Denn natürlich ist das Leben im „Offenen“ um einiges erstrebenswerter als im klassischen Knast und niemand hat ein Interesse daran, wieder zurückzugehen.
Zusätzlich wird den Gefangenen versucht zu vermitteln, dass der Bauernhof mit Landhaus-Charme ja gar kein Knast sei. So sollen der Kampf gegen das System und der Antagonismus gegen dieses abgeschwächt werden. Es ist eben einfacher, klare Gegner*innen zu erkennen, wenn sie als Wärter*innen deine eiserne Zellentür auf- und abschließen, als wenn sie dich in Form einer*s Arbeitserzieher*in beim Erdbeerernten beobachten und bewerten.
Doch die Ziele sind dieselben, werden eben nur mit anderen Mitteln versucht durchzusetzen. Gerade bei politischen Gefangenen wird damit versucht, Einfluss auf ihr politisches Bewusstsein zu nehmen. Eine weitere Herausforderung liegt darin, sich in den verschiedenen Welten zurechtzufinden. Gefangene, die aus dem Knast kommen, berichten häufig von Überforderung in der Anfangszeit, da die klaren Grenzen und Strukturen in der Freiheit plötzlich wegfallen und mensch auf sich allein gestellt ist. Nicht ganz so drastisch, aber ähnlich verhält es sich mit dem Wechsel von Knast zu Wochenendausgang – auch im offenen Vollzug. Zum einen sich jedes Mal wieder den Gegebenheiten anzupassen, zum anderen zu wissen, dass am Sonntagabend wieder die Türe hinter einer*m ins Schloss fällt und mensch wieder alleine im Zimmer sitzt, hängt wie ein grauer Schleier über den Stunden in Freiheit.
An Nicos Beispiel kommt dieses Wechselbad der Gefühle alle zwei Wochen auf ihn zu und ist nicht zu unterschätzen. Die Einrichtungen des offenen Vollzugs sind oft sehr klein gehalten und bieten nur wenigen Gefangenen Platz. Dadurch werden auch ein Austausch und eine Solidarisierung unter den Gefangenen erschwert. Mit 15 Personen auf dem Stockwerk ist es leichter, sich zusammen zuschließen als mit drei „Kollegen“ auf dem Hof. Zusätzlich kann die Gefahr eines Konkurrenzkampfes um die privilegierten Plätze entstehen, anstatt gemeinsam gegen das System aufzustehen.
Ein Vorteil, der sich durch die gelockerten Haftbedingungen jedoch ergibt, ist die gesteigerte Möglichkeit der Teilhabe am politischen Diskurs. Bei Diskussionsrunden und Veranstaltungen während des Freigangs kann in Anwesenheit der Genoss*innen über genau diese Gefahren und Fallstricke gesprochen werden. Ein Einblick in die Geschehnisse der aktuellen Zeit und das Teilen der Erfahrungen im System Knast bieten für beide Seiten einen großen Mehrwert.
Zusammengefasst lässt sich sagen, dass eine klare Einordnung in Gut oder Schlecht schwer möglich ist und auch dem komplexen Thema nicht gerecht werden kann. Objektiv ist es eine Verbesserung der Umstände, doch die Mechanismen der Repressionsbehörden sind weiterhin da, nur etwas verschleiert. Die verbesserte Kommunikation und die gemeinsame Zeit während des Freigangs können aber einen großen Teil dazu beitragen, das Bewusstsein und die politische Identität als revolutionäres Subjekt im Knast nicht zu verlieren.
– Am 29. September 2023 verurteilte das Landgericht Stuttgart den linken Aktivisten Nico zu 38 Monaten Haft, was in der Revision um einen Monat reduziert wurde. Vorgeworfen wurde ihm die Beteiligung an den sozialen Auseinandersetzungen im Juni 2020, die als „Stuttgarter Krawallnacht“ bekannt wurden. Nach dem Haftantritt am 12. August 2024 war Nico zunächst in der JVA Heimsheim inhaftiert, bis er in den offenen Vollzug verlegt wurde.
Rote Hilfe Sonderzeitung 18.03.2026
Weitere Termine:

